Heinrich Barth



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"Das Wirklichkeitsproblem in Transzendentalphilosophie und Metaphysik", Tagung in Basel, 25.-27. November 2011



Das Wirklichkeitsproblem, vertreten in den beiden Begriffen "Erscheinung" und "Existenz", steht fraglos im Zentrum der Philosophie Heinrich Barths, die es, in Abgrenzung gegen dessen metaphysische Bewältigung etwa bei Hegel, im Rahmen einer kritischen Transzendentalphilosophie entfaltet, die in dieser Perspektive allerdings aufgrund ihrer selbstgewählten Einschränkung auf die "Bedingungen der Möglichkeit" ihrerseits einer beträchtlichen Transformation bedarf. Barth vollzieht diese Umwandlung besonders deutlich und nachvollziehbar in seiner "Philosophie der Praktischen Vernunft" von 1927, also über den Begriff der praktischen Vernunft, die er als "Verwirklichung" fasst und in ihrer eigenen Wirklichkeit der Naturwirklichkeit, auf welche die theoretischen Vernunft sich bezieht, an die Seite stellt. Der Titel, den Barth seiner reifen systematischen Position verleiht, ist sprechend: Er nennt sie die einer "transzendental begründeten Existenzphilosophie".

Barths Denken hat neukantianische Wurzeln: Seine philosophischen Lehrer waren Hermann Cohen und Paul Natorp. Noch Ende der Zwanziger Jahre bekannte Barth sich ausdrücklich zum "kritischen Idealismus".Eine weitere Wurzel von Barths Wirklichkeitsdenken liegt im Widerspruch gegen alle Formen des Rationalismus, insbesondere denjenigen Hegels. Hier werden selbstverständlich Schelling und Kierkegaard zu wichtigen Referenzpunkten.

Barth nimmt Hegel gleichsam mit Kant und Kierkegaard in die Zange. Indem er beide aufeinander bezieht, zielt er auf eine systematische Position, die er gelegentlich eine "Philosophie der Krisis" genannt hat (1928). Den Rahmen einer Transzendentalphilosophie im üblichen Verständnis erweitert Barth nach zwei Seiten: Einerseits zielt er auf den Einbezug des Konkreten, Individuellen, Kontingenten, andererseits akzentuiert er die Transzendenz des Transzendentalen, öffnet die Transzendentalphilosophie also wieder gegenüber dem Absoluten der Metaphysik. Diese Doppelbewegung hin auf Wirklichkeit und auf Transzendenz kennzeichnet die systematische Position Heinrich Barths, ist jedoch keine blosse Eigenart dieses Philosophen, sondern reflektiert eine sachliche Notwendigkeit, die auch anderswo wahrgenommen wurde und von aktueller Bedeutung ist. Dies hat an der Tagung Prof. Dr. Thomas Rentsch gezeigt, der seinen Vortrag unter den Titel "Transzendenz und Wirklichkeit" gestellt hat.

Hinweise zum Wirklichkeitsproblem bei Heinrich Barth

Instruktiv im Blick auf den Wirklichkeitsbegriff bei Heinrich Barth ist vor allem seine "Philosophie der Praktischen Vernunft", zuerst: Tübingen 1927, neu aufgelegt bei Schwabe (Basel 2010). Anlässlich der Erörterung des Freiheitsproblems (Kapitel VIII.) schreibt Barth: "Eine Kritik von Kant Freiheitslehre muss zu dem Ergebnis kommen, dass ihr die Rechtfertigung der Freiheit vor der Theoretischen Vernunft nicht gelungen ist." (288 in der Originalpaginierung) Dafür wäre "eine neue Durchdringung des Wirklichkeitsbegriffs" unabdingbare Voraussetzung (289), die aber bis dato nicht geleistet sei. Barth nimmt damit das Programm seiner späteren Erscheinungsphilosophie in Aussicht, die hier in die Bresche springen soll (vor allem die beiden Bände der "Philosophie der Erscheinung", einer Problemgeschichte in zwei Bänden, 1947 und 1959, sind hier zu nennen). Dazwischen entstand (Ende der 30er Jahre) der "Entwurf zu einer Philosophie des wirklichen Seins", in der Barth das Erscheinungsproblem das erste Mal systematisch anzugehen versucht. Ein Auszug wurde abgedruckt in: H.R. Sepp und A. Wildermuth: Konzepte des Phänomenalen. Heinrich Barth, Eugen Fink, Jan Patocka, Würzburg 2010, 192-197. Von einer "tief greifenden Veränderung in der Bedeutung der Wirklichkeitskategorie" ist darin die Rede (193). ->pdf Entwurf zu einer Philosophie des wirklichen Seins

Um Barths Wirklichkeitsbegriff zu rekonstruieren hält man sich vielleicht besser zunächst an das Problem, das er mit seiner Erscheinungsphilosophie zu lösen suchte, als an die "Lösung" selbst. So wird man in seiner frühen, neukantianisch geprägten Philosophie eher fündig. In der schon genannten "Philosophie der Praktischen Vernunft" unterscheidet er theoretische und praktische V. dadurch, dass er erstere auf "Wirklichkeit", die zweite aber auf "Verwirklichung" gerichtet sieht. Diese Unterscheidung ist vor allem ausgeführt auf den Seiten 91-98. Ein langes Kapitel thematisiert später "Die praktische Wirklichkeit". -> pdf Philosophie der Praktischen Vernunft (S.94-98 [98-102])

Besonders zu empfehlen ist eine kleine Schrift in zeitlicher Nachbarschaft: "Ontologie und Idealismus" (in: Zwischen den Zeiten 7 [1929] 511-540). In der Auseinandersetzung mit Heidegger hält er diesem, in Berufung auf den kritischen Idealismus, eine "dialektischen Wirklichkeitsauffassung" entgegen. Heidegger habe mit Hegel "eine gewisse tiefgründige Verdeckung der Wirklichkeitskategorie gemein" (519). -> pdf Ontologie und Idealismus (S. 514-517).

Sprechend sind auch - dies in seiner späteren Philosophie - diejenigen Stellen, in denen Barth den Begriff der Kontingenz erläutert (so etwa in: "Existenzphilosophie und neutestamentliche Hermeneutik. Abhandlungen", Basel 1967, 117f.). Er stimmt den Existenzphilosophen in der Betonung der Kontingenz zu, nimmt diese aber in den transzendent-transzendentalen Rahmen hinein.

Teilnehmerliste mit Referatstiteln:

Prof. Dr. Christian Danz (Wien):                       
    "Neukantianische Existenzphilosophie: Paul Tillich und Heinrich Barth"
Prof. Dr. Stephan Grätzel (Mainz):   
    "Transzendentale Begründung der Existenz. Der Ausweg aus einem dogmatischen Naturalimus."
Prof. Dr. Michael Hofer (Linz):                       
    Heinrich Barth und Kant
Prof. Dr. Helmut Holzhey (Zürich):                   
    "Die Wirklichkeit Gottes. Überlegungen im Ausgang von Heinrich Barth"
Prof. Dr. Lore Hühn (Freiburg):                       
    "Die Wirklichkeit des Einzelnen. Kierkegaard als Kritiker Hegels"
Prof. Dr. Guy van Kerckhoven (Brüssel/Bochum):         
    "Wirklichkeit als An- und Zuspruch. Modalitäten existentieller Erkenntnis"
Prof. Dr. Christian Krijnen (Amsterdam / Tilburg):               
    "Anerkennung, Wirklichkeit und praktische Vernunft im Neukantianismus"
Prof. Dr. Wolfgang Orth (Trier):   
    "Die Rehabilitierung der Wirklichkeit als Kultur im Neukantianismus am Beispiel R. Hönigswalds"
Prof. Dr. Thomas Rentsch (Dresden):                   
    "Transzendenz und Wirklichkeit"
Prof. Dr. Dr. Claus-Artur Scheier (Braunschweig):       
    Barths Wirklichkeitsbegriff als Exempel der Moderne
Prof. Dr. Wolfgang Christian Schneider (Hildesheim / Darmstadt):   
    "Die 'Transzendenz des Erkennens' (1923) von Edith Landmann und die Erkenntnislehre Heinrich         Barths"
Dr. Philipp Schwab (Freiburg):                       
    "Die Positivität der Wirklichkeit. Zur Auseinandersetzung zwischen Schelling und Hegel"              Prof. Dr. Dr. Johannes Soukup (Plauen):                 
    "Leben als Sich-Orientieren in der Zeit". Überlegungen im Anschluss an H. Barth               
Dr. Kirstin Zeyer (Münster):                       
    Henrich Barths 'Philosophie der Praktischen Vernunft'
                   
Dr. Stefan Brotbeck (Basel)                   
Dr. Christian Graf (Basel)
                  
[Prof. Dr. Harald Schwaetzer (Alfter, ohne Beitrag)]

Andreas Siemens (Loccum)





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